Die Auricher Party Connection

Genossenschaft als Modell für ein Leben ohne Einsamkeit im Alter

21.05.2024

Auf den ersten Blick erschließt sich dem Betrachter das imposante Gebäude am Auricher Stadtrand nicht. Auch die sperrige Bezeichnung Bau- und Wohnungsgenossenschaft „Gartenbauversuchsanstalt Aurich eG“ trägt kaum zur Aufklärung bei. Vereinfacht lässt sich sagen, dass hier eine Auricher Party-Connection ihren Entwurf für ein Leben ohne Einsamkeit im Alter realisiert hat: 14 Menschen, die sich von Festen und Feiern entfernt kannten, fanden in dieser Idee einen gemeinsamen Nenner und mit einem 200 Jahre alten Gebäude in Stadtnähe das ideale Projekt für die Umsetzung ihrer Pläne. 2,5 Millionen wendeten sie für Erwerb und Umbau auf, davon 400.000 Euro als Eigenkapital in Form von Genossenschaftsanteilen. Der Rest sei so finanziert, dass die Mietkosten für 30 Jahre garantiert sind, sagt Ralf Martin Marksfeldt. Die betragen acht Euro pro Quadratmeter. 

Um Genosse zu werden, musste er für 500 Euro je Quadratmeter Wohnfläche Anteile kaufen. Das entspricht in seinem Fall 35.000 EUR. Dafür zahlt er jetzt nur 560 Euro Kaltmiete monatlich für eine moderne 70 Quadratmeter Wohnung, selbstverständlich barrierefrei und mit einer Terrasse in Südlage sowie direktem Zugang zum parkähnlichen Garten. „Wir haben uns bewusst für ein genossenschaftliches Modell entschieden, weil es einerseits volle finanzielle Transparenz bietet, andererseits der Gemeinschaft die Kontrolle darüber bietet, wer in unserer +50 WG wohnt.“ Im Klartext: Die Genossen können ihre Anteile zwar vererben, nicht aber das Mietrecht. Wer einziehen möchte, braucht ein einstimmiges Votum der übrigen Mitbewohner.



Dass die Genossen sich innerhalb nur weniger Monate zusammenfanden, hat mit dem Objekt zu tun. Das stand damals gerade zum Verkauf und bot für die WG-Pläne ideale Voraussetzungen sowohl von der Lage, dem Raumangebot und dem besonderen Ambiente. Auch im weiteren Verlauf  legte die WG ein altersuntypisches Tempo vor. Nur knapp zwei Jahre vergingen vom Erwerb bis zum Einzug der WG in den Klinkerbau, der 1806 als Papiermühle der Oldenburger Druckerei Stalling entstand und nach einer wechselvollen Geschichte ab 1942 für über 30 Jahre lang als Gartenbau Lehr- und Versuchsanstalt genutzt worden war. Danach befand es sich in privater Hand. Solide, aber sanierungsbedürftig.

Um das zu ändern, legten die künftigen Bewohner selbst kräftig Hand an und entkernten das Gebäude weitgehend mit Muskelkraft. Rund 780 Kubikmeter Schutt mussten entsorgt werden. „Wir haben durch eigene Arbeit rund 100 000 Euro eingespart“, sagt Ralf-Martin Marksfeldt und ist froh, dass diese körperliche Anstrengung hinter den Genossen liegt. „Es macht schon Sinn, nicht erst bis zur Rente mit solchen Plänen zu warten. Dann schafft man viele Sachen rein körperlich gar nicht mehr. Und je früher man sich trifft, desto besser sei es für das Zusammenwachsen seiner Gemeinschaft."

Für die Auricher Genossen hat sich ihr Einsatz ausgezahlt. Das in U-Form angelegte Gebäude beherbergt neun barrierefreie Wohnungen zwischen 48 und 140 Quadratmetern. Dabei sind die Zugänge für die Elektrik und Heizungen so konzipiert, dass Wohnungen mit geringem Aufwand getrennt oder zusammengelegt werden und so sich ändernden Lebenssituationen angepasst werden können. 15 Prozent der sanierten Fläche entfallen auf Gemeinschaftseinrichtungen wie der großen Küche mit Essbereich, einem Wohnzimmer, einer Bibliothek, einem Fitnessraum und einer kleinen Werkstatt. Selbst an die Betreuung ist gedacht: Im Bedarfsfall steht eine kleine Wohnung zur Verfügung, die jetzt von Besuchern genutzt werden kann.


Von Klaus Schmidt

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