Die Bunkermeister

Bremer Architekten machen ein Leben im Bunker lebenswert!

10.05.2024

Seit mehreren Jahrzehnten beschäftigt sich der Architekt und Dipl.-Ing. Rainer Mielke mit friedlicher Nutzung von Bunkern. Wir besuchten ihn in seiner Wohnung in der Bremer Claussenstraße 14, die auf einem Betonklotz steht, der Menschen im 2. Weltkrieg Schutz vor Bomben bieten sollte. Der spätere Bau einer Wohnung für seine Schwester im Bunker selbst war die Geburt einer Geschäftsidee. Heute gelten Mielke und sein Partner Claus Freudenberg bundesweit als Spezialisten für die Umnutzung von Bunkern. 

Herr Mielke, Sie und Ihr Partner Dip.-Ing. Claus Freudenberg sind Experten für die friedliche Nutzung von Bunkern. Wie viele dieser Überreste des dritten Reichs haben Sie eigentlich umgebaut?

Wir haben im Laufe der letzten 25 Jahre mehr als 15 Bunker-Umplanungen gemacht, das heißt vom Kauf bis zur Bauüberwachung alles durchgeführt. Drei Bunker, die noch in unserem Besitz sind, haben wir zu Musikbunkern umgebaut. Zwei mit jeweils 20 Übungsräumen befinden sich in Bremen, der Musikbunker Babylon in Kassel hat 70 Übungsräume mit vier Aufnahmestudios und einem Veranstaltungsraum. Ein weiteres Musikbunker-Projekt entsteht derzeit in Bremen-Woltmershausen.

Wie sind Sie auf das Thema gekommen?

Bunker kenne ich als als Student. Ich habe in einer Band gespielt und unser Übungsraum befand sich in einem Bunker. 20 Jahre später bin ich nach Bremen gezogen in eine Gegend, in der der Bunker steht, in dem wir gerade sitzen. Ich bin jeden Morgen am Bunker vorbei zur Arbeit gegangen. Als wir irgendwann darüber nachgedacht haben, ob wir uns in Bremen Eigentum anschaffen wollen, kam der Gedanke, den Bunker zu kaufen. Die Idee war ganz einfach: Der Bunker ist ein solides Fundament. Da baue ich mir eine Wohnung drauf und spare dadurch einen erheblichen Teil der sonst beim Hausbau üblichen Kosten.



Dann ist die Bunkeridee eine Art Selbstläufer geworden...

Ein Selbstläufer war das noch nicht. Das erste Objekt zu realisieren, also die Wohnung auf dem Bunker zu bauen, das war nicht wahnsinnig aufwendig. Die Idee, eine Wohnung im Bunker zu bauen, das hat ein bisschen gedauert. Das erste Problem war: Wie kriege ich in diese massiven Mauern Löcher rein, wie können Fenster hineingebaut werden. Das war ja Architektur verkehrt rum: Normalerweise beginnt man einen Bau mit dem Ausheben einer Baugrube. Dann folgt das Kellergeschoss, die Mauern werden hochgezogen und der Rohbau fertigstellt. Beim Bunker ist es ein ganz anderes Verfahren. Der steht ja schon. Wir müssen etwas wegnehmen. Wenn dann die Fenster rausgesägt sind, ist der Rohbau fertig.

Aber nachdem das Projekt fertig war, dann war die Bunkeridee doch ein Selbstläufer?

Dieses „fertig sein“, das hat sich über einen Zeitraum von fast sieben Jahren erstreckt. Das Wichtige war, überhaupt erst einmal eine Wohnung im Bunker zu bauen. Das hab ich dann nicht allein gemacht, sondern mit meinem Partner Claus Freudenberg realisiert. Das bot uns die Chance, als Bauträger tätig zu werden. Danach haben wir Bunker gekauft, nicht nur in Bremen, sondern bundesweit, sie umgebaut und dann zum größten Teil weiterverkauft. Einige haben wir behalten. Nicht nur den in der Claussenstraße, mit dem alles begann, sondern auch andere, in denen wir Übungsräume anbieten. Da gibt es bundesweit einen Mangel. Auch ich bin ja als Student in einen Bunker zum Üben ausgewichen. Da schließt sich der Kreis.

Nun kann ein Bunker ein störendes Element in einem Wohnquartier sein. Kann man nicht einfach sagen: Weg damit. Jetzt machen wir hier mal was richtig Schönes?

Mittlerweile wäre es technisch möglich. Vor 25 Jahren galt ein Abriss als problematisch. Aber ich bin ohnehin von einer anderen Überlegung ausgegangen: Wenn Du neu baust, musst Du erst mal den Bunker abreißen und den Bauschutt entsorgen. Das ist unwirtschaftlich. Außerdem muss das das Gebäude noch gegründet werden, also eine Baugrube ausgehoben, der Keller gebaut, und die Sohlplatte gegossen werden. Da kam mir das Verfahren sehr viel einfacher vor, einfach oben etwas auf dem Bunker zu bauen, wie ein Art Penthaus. Der Bunker ist ja ein fantastisches Fundament..

Wie ist so ein Bunker eigentlich aufgebaut?

Die ersten Bunker, die gebaut worden sind, bestehen aus 1,10 Meter dickem Stahlbeton. Mit einer ganz dicken Sohlplatte darunter, 1,50 Meter stark und mit einer ganz stabilen Decke oben drauf, die auch 1,50 Meter dick ist. Die sollte ja verhindern, dass Bomben, wenn sie den Bunker treffen, eindringen konnten. Die Geschossdecken im Bunker sind ganz normal. Die mussten ja nur die Leute tragen, die darin Zuflucht gesucht hatten. Das ist eigentlich das Essentielle. Viel mehr gibt’s nicht am Bunker.

Sie haben ja große Öffnungen geschaffen, etwa für die Fenster. Um sich das besser vorstellen zu können: Von welchen Gewichten reden wir hier?

Ein Fenster, so wie dies hier, es ist glaube ich 3,30 Meter breit und 2,20 Meter hoch, das Ding wiegt dann 25 Tonnen. Ein Kubikmeter Beton, also 1 Meter x 1 Meter x 1 Meter, wiegt 2,5 Tonnen. Das Problem liegt nicht darin, das Fenster in den Bunker zu sägen, das Problem liegt darin, den Klotz weg zu kriegen.



Wo liegt für den Architekten die Herausforderung in der äußeren Gestaltung?

Man muss den Bunker in das Umfeld eingliedern. Für uns war klar: Wir orientieren uns an der Nutzung des Umfeldes. Im Wohngebiet, wie hier, muss man Wohnungen bauen. Dann haben wir uns gefragt, kriegen wir das hin, dass der Bunker aussieht wie ein Bremer Haus? Natürlich nicht. Das wollten wir dann auch nicht. Ein Bunker ist schließlich ein Stück Geschichte, wenn auch ein Stück Geschichte, an das man nicht unbedingt gern erinnert werden will. Aber als Zeitzeugnis ist er es wert, ihn so zu lassen, wie er ist.

Im Umgang mit den alten Bunkern ist uns außerdem aufgefallen, dass die damals etwa 60 Jahre alten Betonoberflächen eine Fassade ergeben, wie man sie neu nicht bauen kann. Und es macht auch gar nichts, dass da der Regen raufgefallen und mal ein Stück abgeplatzt ist. Genau das ergibt eine optische Qualität, die man in unserer bebauten Umwelt sonst nicht findet. Sonst ist alles renoviert, gestrichen oder es sind Oberflächen, die überhaupt nicht altern, wie diese Glasfassaden. Wir haben gesagt, das hier ist etwas, dass das Thema Altern auch in die Gestaltung einbezieht. Das macht überhaupt nichts, wenn so ein Ding vor sich hin trottet. Bei 1,10 Meter Beton hält es trotzdem eine Ewigkeit.

Auch innen bieten Bunker interessante gestalterische Möglichkeiten...

Ja. Bunker haben keine tragenden Wände. Man kann die Wohnungen, die man rein baut, komplett frei gestalten. Natürlich musste man berücksichtigen, wo das Treppenhaus hinkommt und wo die Schächte für die Küche und Sanitärräume geplant sind. Aber darüber hinaus sind in unseren Objekten immer Wohnungen entstanden, die absolut individuell waren. Und ganz anders als man es sich vielleicht vorstellt, kann ein Bunker lichtdurchflutet sein. Wir haben die Bunker ganz nach dem  Geschmack der Käufer umgebaut.

Die haben Sie beraten...

Exakt. Eigentums-Wohnungen sind teuer. Aber am Markt gibt es vor allem Standards. Was man üblicherweise noch selbst bestimmen kann bei der  Raumaufteilung, ist eigentlich äußerst gering. Und genau hier können wir mit dem Bunker interessante Alternativen bieten. Wir haben die Chance, fast alles zu machen. Diese Architektenleistung konnten wir in das Bauträgerwesen einbringen und dafür Zeit investieren.

Jetzt sitzen wir hier im Bunker. Draußen ist es warm. Hier drinnen mittlerweile auch. Diese dicken Mauern müssen doch toll isolieren?

Kein bisschen. Die dicken Wände, weil sie aus Beton sind, bieten keinen Schutz gegen die Kälte. Da können sich Kälte oder Wärme im Laufe der Zeit durchsetzen. Die Temperatur im Bunker ist immer um drei Wochen verzögert gegenüber der Außentemperatur. Das heißt, die Kälter braucht drei Wochen, um die Mauer zu durchdringen. Deswegen müssen  Bunker gedämmt werden. Wir machen das von innen, was technisch ein bisschen schwieriger, aber kein Problem ist.

Also wenn es draußen schneit, haben Sie noch drei Wochen Zeit, um die Heizung anzuschmeißen.

In der Tat. Wir haben ja den Vergleich zwischen unserer Wohnung auf dem Dach und der Wohnung meiner Schwester im Bunker. Und es ist tatsächlich so, dass sie ihre Heizung drei Wochen später anstellt. Dafür muss Sie aber entsprechend länger heizen.


von Klaus Schmidt
Bildrechte Klaus Schmidt

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